Und dann hat mich mein Hund so enttäuscht.....

 

 

„… und danach hat Julchen mich auch noch angeknurrt! Ich bin ja soo enttäuscht von meinem Hund!“ Betroffenheit machte sich breit in den Gesichtern der Zuhörer bei dieser Schilderung von Kerstin, einer Kursteilnehmerin, ihre letzten fehlgeschlagenen Erziehungsübungen betreffend. Betroffenheit und noch etwas anderes. Peinliche Berührtheit - ja, das war es. Hätte Kerstin sich über ihren Hund Filou und dessen „Unverläßlichkeit“ grün und blau geärgert, wäre das von jedem verstanden worden. Geärgert über den eigenen Hund hat sich schließlich schon mal jeder einmal.

 

 

Aber Enttäuschung? Das klingt unter Hundehaltern beinahe so schlimm, als müßte jemand gestehen, sein achtjähriger Sohn sei beim Ladendiebstahl erwischt worden. Und so etwas auch noch freiwillig zugeben?

Enttäuschung hat immer etwas mit einer Erwartungshaltung zu tun. Wer sich einen Hund ins Haus holt, tut dies nicht selten in der Wunschvorstellung, damit ein großes Stück vom Glückskuchen abzubekommen. Dafür wird auch einiges getan: Von der idealen Welpenaufzuchts-Diät über Prägungsspielgruppen bis hin zum richtigen Spielzeug - unser Hund soll es gut haben! Ausbildungskurse werden besucht und Hundebücher gewälzt - für den perfekten Hund ist uns kein Einsatz zu hoch. Als Gegenleistung erwarten wir ewige Liebe, grenzenloses Vertrauen und Leistung. All das, was uns das „Schicksal“ in anderen Lebensbereichen vielleicht verwehrt hat, soll unser Hund nun erfüllen. Eine große Aufgabe.

 

Hund als Spiegelbild

Oft wird der Hund so - meist unbewußt - zur Projektionsfläche des eigenen, ungelebten Lebens gemacht. Mag man selbst eine sportliche Niete sein - den Hund will man mindestens bis zur Schutzhundeprüfung bringen. Mögen die eigenen Kinder statt Rechtsanwalt und Ärztin zu werden, sich mit einer außerberuflichen Karriere und viel „fun“ zufrieden geben - wenigstens bei unserem Hund wollen wir Leistung sehen! Und uns so im Glanz seiner Heldentaten zufrieden sonnen können. Oder man stellt sich vor, wie schön und entspannend es ist gemütlich mit dem Hund spazieren zu gehen, mit dem unangeleinten und perfekt gehorchenden Hund natürlich. Was betrachtet der Mensch schließlich lieber als sein Spiegelbild?

 

Ein klein wenig Lassie?

Dabei ist es wahrscheinlich jedem einigermaßen logisch denkenden Hundehalter klar, daß nicht jeder Vierbeiner seinen Tag mit Heldentaten á la Lassie oder Kommissar Rex zubringt. Es sind nun einmal nicht alle Wuffis dazu geschaffen, ihrem Menschen morgens die Pantoffel zu holen, mittags das Handy zu apportieren, abends kurzerhand einen Einbrecher in die Flucht zu schlagen, um danach Wache zu halten vor Herrchens Bett. Trotzdem steckt wohl in jedem von uns im Unterbewußtsein die Erwartungshaltung, unser Vierbeiner möge sich wenigstens ein bißchen so klug verhalten wie von den Fernsehstars vorgelebt. Ein klein wenig Lassie - ist das zuviel verlangt bei soviel Einsatz unsererseits?

 

 

Wozu der Stress?

Enttäuschung über den geliebten Vierbeiner kann viele Gesichter haben. Wenn die teuer gekaufte Tochter einer Championatshündin nicht die gleichen Erfolge im Ausstellungsring erzielt, wie ihre berühmte Mutter. Wenn der Tierheimhund trotz grenzenloser Liebe im neuen Zuhause ein argwöhnischer, scheuer Hund bleibt. Oder wenn Dobermannrüde Max trotz sorgfältiger Futterzusammenstellung und bester Pflege ein schmächtiges Bürschchen bleibt. Oder die ersehnten entspannten Spaziergänge in ein Spießrutenlauf ausarten. Wozu dann eigentlich der ganze Streß, fragt sich so mancher. Zugeben würde das jedoch kaum einer!

 

Verfressen, mürrisch und aggressiv

Auch im alltäglichen lauert die Gefahr der Enttäuschung: Statt mit Bellos Wohlverhalten vor der versammelten Verwandtschaft ein wenig protzen zu können, müssen wir seine Hinterlassenschaften aufwischen, weil er vor lauter Aufregung Durchfall und Übelkeit gleichzeitig erlitt. Beim Spaziergang müssen wir erleben, wie unser Liebling vergammelte Mäuse, weggeworfene Papiertücher und noch schlimmeres hinunterschlingt, als gäbe es zuhause nichts! Statt schwanzwedelnd auf die Kinder der hundelosen, besten Freundin zuzugehen, dreht Waldi sich mürrisch ab, nicht ohne dabei die Lefzen ein wenig hochgezogen zu haben. Hätte er denn nicht ein wenig freundlicher sein können?! Und zur Krönung knurrt uns unser eigener Hund an oder beißt sogar. Oder der Hund, den wir aus dem Tierschutz „gerettet“ haben, macht nichts als Ärger. Ein Beispiel dazu hatte ich unter meinen Kunden: Eine Frau die für den Tierschutz tätig war, setzte sich für einen Hund aus einer Tötungsstation stammte persönlich sehr ein, obwohl die Tierschutz Organisation für die sie tätig war, nicht für diesen Hund zuständig war da er einer anderen Rasse angehörte. Sie besorgte Pensionsplätze, ließ ihn auf eigene Kosten operieren und vermittelte ihn sogar. Als der Hund nach drei Wochen wieder abgegeben wurde, nahm sie ihn nach langem überlegen schließlich selbst. Dieser Hund hatte 5 Jahre an einer kurzen Kette gelebt und war danach ein halbes Jahr in der Tötungsstation. Natürlich hatte dieser Hund eine ganze Menge Probleme. Aggression gegen Artgenossen war eines der schlimmsten. Mit einem Gewicht von über 40 Kilo war er natürlich auch nicht leicht zu handhaben. Dazu kam, dass er in Stresssituationen dazu neigte sich umzudrehen und zu schnappen. Das Training bei mir brach diese Frau ab, weil der Hund bei mir deutlich besser reagierte als bei ihr und sie dieses „nicht ertragen konnte“. Als sie dann noch sagte wie undankbar der Hund sei für den sie soviel Ärger auf sich genommen hatte, Zeit und Geld investiert hatte, war ich sprachlos. Oder die Dame, deren Hund, einst fröhlich und verträglich, immer mürrischer, ungehorsamer und unverträglicher wurde. Als ich ihr sagte, das sie ihr Verhalten gegenüber dem Hund ändern müsse, bekam ich zur Antwort: „Ich ändere mich doch nicht wegen eines Hundes, er hat sich mir anzupassen.“ Das mag grundsätzlich so stimmen, aber in diesem Fall hatte der Hund einfach keine souveräne Führung und sah sich gezwungen diese selbst zu übernehmen. Womit er hoffnungslos überfordert war.

Diese Beispiele stehen für mich für viele und zeigen mir einmal mehr wie sehr unsere Gesellschaft zu einer Wegwerfgesellschaft geworden ist, in der nur um den persönlichen Gewinn geht, mit minimalem bis keinen persönlichen Einsatz natürlich. Aber dieses Verhalten zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Wegwerfgesellschaft. Ob Partner (dafür gibt es ja das Unwort "Lebensabschnittpartner"), Tiere, sogar Babys, alles was nicht so problemlos funktioniert wie man es als bequemer Mensch gerne hätte, wird weggeworfen und durch etwas Neues ersetzt. Dieses Verhalten wird den Kindern vorgelebt, und dann wundert man sich, dass diese Kinder konfliktunfähig sind, kein Migefühl mehr kennen und somit auch keine Hemmungen mehr haben.

 

Wer hat Schuld?

Im Versagen des Hundes sehen viele auch ihr eigenes Versagen. Sich darüber mit jemandem auszutauschen, seiner Enttäuschung laut Wort zu verschaffen, bringt aber kaum jemand fertig! Statt gesteckte Ziele auf ihre Realisierbarkeit abzuklopfen, werden neue Ausbildungstaktiken ausgeklügelt, Übungsstunden verlängert und der Druck auf den Hund erhöht. Wut und Ärger werden freien Lauf gelassen, auf Teufel komm’ raus wird versucht, Minuspunkte des Hundes zu sammeln: Der Hund sei zu triebig / nicht zu triebig genug / zu weich oder zu hart / zu freundlich oder zu agressiv und so weiter.

 

Enttäuschung eingestehen

Eine andere Methode, mit der Enttäuschung über den eigenen Hund fertig zu werden, ist die, sich andere schwarze Schafe zu suchen, dann heißt es: Der Züchter / Vorbesitzer war Schuld / der Richter taugte nichts / das Wetter war zu kalt oder zu heiß / Frauli hat den Hund zu sehr verwöhnt und so weiter. Beides sind wunderbare Methoden, das Gefühl der Enttäuschung zu verdrängen, es einfach nicht zuzugeben. Daß man sich dabei um eine große Chance bringt, übersehen die meisten: Wer sich seine Enttäuschung offen und ehrlich eingesteht, gleich, ob diese nun berechtigt oder unberechtigt ist (wer bestimmt das eigentlich?), dem fällt es leichter, Bilanz zu ziehen über die eigenen Wünsche und Sehnsüchte, seinen Hund betreffend. Und sich vielleicht auch einmal Gedanken dazu zu machen, das der Hund ein Lebewesen mit eigenen Gedanken und Gefühlen ist. Und, das man an einer guten Beziehung, und die ist Grundvoraussetzung für einen „Traumhund“, arbeiten muss. An einer guten Ehe muss man ja auch arbeiten. Ich zumindest habe noch keinen Mann getroffen, der dafür geboren wurde alle meine Wünsche zu erfüllen so ganz ohne Einsatz meinerseits. Fände ich wahrscheinlich auch langweilig. Aber zurück zu den Hunden. Hunde die ihre Besitzer anknurren oder gar beißen haben dafür immer einen Grund. Und meistens ist diesen Vorfällen ein langer schleichender Prozeß vorausgegangen, der vom Besitzer nicht wahrgenommen oder übersehen wurde. Bis ein Hund zubeißt gibt es eine ganze Reihe von Dingen die er vorher getan hat. Wie zum Beispiel Kommandos nicht korrekt ausführen oder ganz verweigern, irgendwelche Unarten die schon lange at acta gelegt wurden wie z.B. klauen, zerstören, aufreiten etc. wieder aufzunehmen. Die meisten Besitzer übersehen solche Dinge oder finden irgendwelche „harmlose“ Erklärungen dafür. Ist das Unglück dann passiert, stehen sie völlig fassungslos davor und einer der ersten Gedanken ist meist: Der Hund muss weg! Wieder einmal zahlt der Hund die Rechnung! Oft höre ich dann, dass man kein Vertrauen mehr zum Hund hat. Aber wer macht sich die Mühe, mal zu fragen ob der Hund ihm vertrauen kann? Ein Hund der beißt ist nicht zu vergleichen mit einem Menschen der zuschlägt wenn ihm was nicht passt, ein Hund der beißt hat aus seiner Sicht keine andere Möglichkeit mehr. Und sei es weil der Mensch Grenzen überschritten hat die genau dieser Mensch dem Hund vorher, natürlich unbewusst, als Recht des Hundes eingeräumt hat. Das ein Hund, der einmal gebissen hat, dieses immer wieder tun wird, ist falsch! Aber man muss natürlich daran arbeiten. An der Beziehung, an der Rangordnung. Oft höre ich dann den Satz: „Ja, aber ich habe keine Lust auf Spaziergängen immer den Clown zu spielen und den Hund zu beschäftigen!“ Mag sein, aber so funktioniert das nicht. Man muss es meist nicht ein Leben lang tun, aber je nach Hund mehr oder weniger lang. Wenn man sich wirklich darauf einlässt macht das ganze dann sogar einem selber Spaß, auch das höre ich immer wieder. Die meisten sehen nur die Arbeit und vergessen dabei, dass auch Arbeit Spaß machen kann. Auch in der Hundeerziehung gilt: Ohne Fleiß, kein Preis.

 

Entspanntes Zusammenleben

Falscher Ärger und der Zwang zum Perfektionismus können wie lästiger Ballast abgeworfen werden, an dessen Stelle das Akzeptieren von Leistungsgrenzen tritt. Manchmal geschieht dies von heute auf morgen, manchmal handelt es sich um einen schrittweisen Prozeß. Im ersten Fall ist oft ein persönliches Schlüsselerlebnis der Auslöser für das Umdenken, manchmal leben auch andere Hund/Halterpaare ein entspanntes Zusammenleben vor und zeigen damit Defizite in der eigenen Hundehaltung auf. Es sind nur wenige Menschen, denen es von Anfang an gelingt, ihren Hund so zu nehmen, wie er ist. Anderen gelingt dies nur nach mehr oder weniger schmerzlichen Erfahrungen. Das tiefe Verständnis, das wahre Vertrauen, das zwischen solchen Hund/Halter-Paaren existiert, spürt man jedoch auch schon als Außenseiter. Das ist dann der Lohn für all die Mühen. Irgendwann hat man es geschafft, und man gehört zu denen die von anderen beneidet werden um seinen Traumhund. Jeder Hund kann ein Traumhund werden, er muss nur die Chance dazu bekommen.

 

Wahre Hundeliebe

Aber Achtung! Das vorhin Gesagte bedeutet nicht, dass man sich mit jedem Fehlverhalten abfinden soll! Eine Ausbildung und Förderung der hundlichen Anlagen unter Beachtung der Leistungsgrenzen ist immer angesagt! Aber bitte ohne falschen Ehrgeiz! Dem Hund seine eigene Identität zuzugestehen, ihn (zumindest ein Stück weit) so sein zu lassen, wie er von Natur aus ist, seine Schwächen genauso zu akzeptieren wie sich über seine Stärken zu freuen - darin liegt die wahre Hundeliebe. Wem dies gelingt, hat ein großes Stück Weisheit auch für sein eigenes Leben gewonnen. Was das bedeutet? Das sollte jeder für sich selbst herausfinden …

Sie haben sich dazu entschlossen Ihrem Hund, und auch sich selbst, noch eine Chance zu geben. Dafür meinen Glückwunsch und meinen Respekt. Ich werde Sie dabei gerne unterstützen und Ihnen zeigen, dass auch in Ihrem Hund ein Traumhund steckt…. wenn Sie ihn nur lassen.

„Solange Menschen denken, das Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, das Menschen nicht denken.“ Paracelsus

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Antoine de Sant-Expery

 

Text von: Petra Kabuth  http://www.teamwork-essen.de/

 

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